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Eingreifende Lebenskrisen 5ª Die schwere Entscheidung meine Mutter jahrelang zu pflegen

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Dies ist der letzte Artikel über die prägensten Ereignisse meines bisherigen Lebens und deren Auswirkungen, die mich zur dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.

Da es sich um relativ naheliegende Ereignisse handelt, die ausserdem sehr extrem für mich waren, wäre ich bis vor kurzem noch nicht in der Lage gewesen, mich erneut gefühlsmässig in jene Zeit zurückzuversetzen. Allerdings spüre ich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist darüber zu berichten.

Ich glaube, dass das Aufschreiben der bisher schwersten und gleichzeitig lehrreichsten Zeit meines Lebens mir dabei hilft, deren Spuren und Wunden endgültig abzulegen um mit ganzer Zuversicht einen komplett neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass meine Worte Menschen in ähnlichen Situationen Trost und Mut spenden können.

Mein letzter Artikel endete mit dem Hinweis auf den rasch fortschreitenden Alterungsprozess meiner Mutter und meiner inneren Weigerung diesen in seinem ganzen Ausmass anzunehmen. Das Leben bot mir bald darauf eine hervorragende Gelegenheit meinem Wunsch nach Ablenkung zu entsprechen.

Etwas mehr als ein halbes Jahr, bevor mein Leben vollkommen aus den Angeln gehoben wurde, traf ich auf eine Person, die wie ein Wirbelwind vieles auf den Kopf stellte. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um eine Liebesbeziehung, sondern um meine neue, sehr intensive Freundschaft.

Auf den ersten Blick schienen wir sehr unterschiedlich zu sein, deshalb waren wir auch lange aneinander vorbei gelaufen, obwohl wir praktisch Nachbarn waren. Nachdem jedoch das Eis gebrochen war, stellten wir rasch fest, wie viele Ähnlichkeit wir hatten und wie offen und leicht wir tiefgehenste Dinge austauschen konnten. Unsere beidseitige rasche, mentale Auffassungsgabe, wie unsere Hochsensibilität und die Entdeckung einiger fast übereinstimmender Erlebnisse, führten sehr schnell zu einer engen Verbindung, bei der wir gemeinsam neue Ideen und Erkentnisse entdecken durften.

Im Jahr zuvor hatte ich relativ zurückgezogen gelebt und war längst nicht mehr so häufig ausgegangen wie vorher, doch an der Seite meiner neuen Freundin verbrachte ich erneut gern und oft meine Freizeit in Diskotheken und Musikpubs und führte ein intensives soziales Leben. In den folgenden lebendigen und fröhlichen Monaten fühlte ich mich voller Lebenslust und jugendlichem Elan.

Als ich im August 2011 meinen Sommerurlaub bei einer Freundin in Luzern verbrachte, wusste ich noch nicht, dass dies mein letzter Urlaub sein würde, sowie auch das letzte Mal, dass ich Mallorca für die nächsten Jahre verlassen konnte.

Während meiner Ferien in der Schweiz, erhielt ich den ersten Hinweis auf die künftigen Ereignisse, welche mein gesamtes Leben auf den Kopf stellen würden.

Wenige Tage vor meiner Rückkehr erreichte mich ein Anruf aus dem Krankenhaus von Inca, in das man meine Mutter eingeliefert hatte, nachdem sie auf der Strasse zusammengebrochen war. Obwohl meine Mutter versuchte mich telefonisch zu beruhigen, da sie gleich wieder entlassen wurde, begann ich mir ernsthafte Sorgen zu machen.

Nach meiner Ankunft auf Mallorca, versuchte ich alles zu organisieren, dass meine Mutter soweit versorgt war, damit ich mein Leben in Palma weitgehenst weiterführen konnte. Zu diesem Zweck traf eine Abmachung mit der jungen Frau, die seit einigen Jahren bei meiner Mutter saubermachte, Ich bat sie, an vier Tagen in der Woche, zwei bis drei Stunden für meine Mutter Besorgungen zu machen, bzw, sie zu begleiten, während ich mich am Wochenende und einen Tag in der Woche um sie kümmern würde.

Noch heute erinnere ich mich genau an den Moment, an dem ich, wenige Tage später, den Anruf dieser jungen Frau erhielt, während ich gerade eine Sundowner mit einem Freund zu mir nahm. Sie teilte mir mit, dass sie diese Aufgabe nicht weiter übernehmen konnte, da meine Mutter schon zum zweiten Mal allein in der Wohnung gestürzt war und deshalb jemanden benötigte, der 24 Stunden bei ihr war.

Bittere Trännen liefen mir die Wangen herunter, da ich genau spürte, wie mein bisheriges Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel.

Als ich in Aludia eintraf, war mir zwar klar, dass ich mich auf unbestimmte Zeit dort aufhalten würde, doch das gesamte Ausmass der Tragodie der nächsten Monate übertraf bei weitem meine Vorstellungskraft.

In den nächsten Wochen ging nicht nur der körperliche Verfall meiner Mutter mit Riesenschritten voran, sondern sie erlitt zusätzlich noch eine Nervenkrise, welche sie, in ihrer Ohnmacht gegenüber dieser schrecklichen Situation, extrem aggresiv reagieren liess.

Es erschien mir wie in einem Horrorfilm, wenn sie mich aufs übelste beschimpfte, mir alles entgegenwarf, was sie noch greifen konnte und mich nachts nicht zum schlafen kommen liess.

In meiner Verzweiflung verbrachte ich zusätzlich viele Stunden auf dem Rathaus um die Hilfe einer städtischen Pflegekraft zu beantragen. Glücklicherweise wurde uns nach wenigen Wochen eine Pflegekraft zugeteilt, die nicht nur über hevorrragende professionelle, sondern insbesondere auch über menschliche Qualitäten verfügte. In der darauffolgenden Zeit zeigte sie mir geduldig viele nützliche Dinge zur Pflege von Bedürftigen.

Nachdem ich miterleben musste, wie meine Mutter innerhalb weniger Wochen nur noch einige Schritte mit Hilfe laufen und weder alleine essen, noch trinken konnte, bestand ich darauf, sie in ein Krankenhaus einliefern zu lassen um festzustellen, was tatsächlich mit ihr los war und ob Möglichkeiten zur Linderung existierten.

Der Abend der Einlieferung meiner Mutter im Krankenhaus von Inca, war der erste Abend seit fast 3 Monaten, an dem ich einige Freunde aus Palma wiedersehen und die erste Nacht im eigenen Bett durchschlafen konnte. In den frühen Morgenstunden spürte ich, dass die Anspannung, Sorgen und Schlaflosigkeit der letzten Wochen ihren Tribut forderten und mir meinen ersten nervlichen Zusammenbruch bescherten.

Alle Nerven meines Körpers schmerzten auf fast unerträgliche Weise und nur im warmen Wannenbad wurden diese Schmerzen etwas gelindert. Gleichzeitig war ich auch nicht in der Lage mehr als Brühe und Tee zu mir zu nehmen.

Es vergingen mehrere Tage , bis ich wieder in der Lage war aufzustehen und die Wohnung zu verlassen um nach meiner Mutter im Krankenhasus zu sehen und mit den behandelden Ärzten zu sprechen. Selbstverständlich hatte meine Freundin Bescheid gegeben, warum ich nicht in der Lage war, mich um sie zu kümmern.

Die Diagnose der Ärzte war niederschmetternd, denn, zusätzlich zu mehreren kleine Schlaganfällen, hatte man festgestellt, dass meine Mutter an einer degenerativen Nerven und Muskelatrophie litt, ähnlich der ALS. Diese würde vor dem Tod in einer Art vegetativen Zustand enden, allerdings bei recht klarem Verstand. Da dieser Prozess sich über Jahre hinziehen konnte, rieten sie mir so rasch wie möglich einen Heimplatz mit 24 Stundenpflege für meine Mutter zu suchen.

Da es endlose Wartelisten bei städtischen Pflegheimen gab, blieb nur ein privates Pflegeheim, doch die hohen Kosten für total Pflegebedüftige machten auch diese Möglickeit schnell zunichte.

Auf Grund ihrer Nervenkrankheit litt meine Zeit ihres Lebens an Kaufsucht, so dass ihre Schränke voll, jedoch die Konten recht leer waren. Meinerseits konnte ich diese Kosten ebenfalls auf keinen Fall auf mich nehmen, zumal sich die Wirtschaftskrise schon seit einiger Zeit bemerkbar machte.

Zudem weigerte ich mich, in meinem Alter, nach dem Verlust einer Wohnung auf Grund der Schulden meines Ex, nun auch noch meinen letzten Besitz zu veräussern, um diese hohen Kosten bezahlen zu können. Letztendlich bleib nur die Lösung eines städtischen Altenheims in Deutschland.

Als meine Mutter zwei Tage vor Heiligabend entlassen wurde und ich mich vollkommen allein mit einer total hilflosen Person in ihrer Wohnung befand, fühlte ich mich so verweifelt wie nie zuvor in meinem Leben. Es war, als ob der Himmel über uns zusammengefallen wäre und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mit der Lage fertig werden sollte, ohne vollkommen zusammenzubrechen.

Ich fühlte mich vollkommen in einer ausweglosen Situation gefangen.

Schon in den Monaten zuvor war mir aufgefallen, wieviel Furcht und Ablehnung derartige Grenzsituationen bei vielen Menschen hervorrufen, die dazu führt, dass sie sich lieber zurückziehen, um sich nicht mit der grausamen Realität auseinandesetzen zu müssen. Dieses Verhalten bewirkt, dass sich die betroffenen Personen noch einsamer und alleingelassen fühlen, hinzu kommt dann noch die Enttäuschung.

In der Zeit meiner grössten Verzweiflung durfte ich feststellen, dass einige Personen, auf deren Unterstützung ich gehofft hatte, in so manchen Situationen eher ablehnend reagierten und es häufig vorzogen, der Sache besser aus dem Weg zu gehen. Andererseits boten mir Freunde, mit denen ich eher weniger intensiven Kontakt gehabt hatte, ihre bedingungslose Hilfe an.

Die Weihnachtstage 2011/2012 waren definitiv die bisher schlimmsten Tage meines Lebens. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass ich, ausser meiner hilfsbedürftigen Mutter keinerlei Familie mehr besass, ausser einigen Cousins und einem Onkel in Deutschland, mit denen ich kaum Kontakt hatte.

Nie zuvor war mir so klar gewesen, dass ich, ohne festen Partner und ohne eigene Kinder, vollkommen allein auf der Welt stand.

Natürlich hatte ich schon lange meine Freunde als meine selbsterwählte Familie angesehen, doch die meisten von ihnen hatten ihr eigenes Leben in Palma, während ich mich zwangsweise wieder in Aludia aufhalten musste, da in Palma alles noch viel komplizierter zu regeln gewesen wäre und meine Wohnung dort zu klein war.

Im Angesicht dieser trostlosen Lage wuchs meine innere Beklommenheit ins Unerträgliche an und gipfelte in einem Erlebniss, dass ich wohl zeitlebens nicht mehr vergessen werde.

Ohne vorherige Anzeichen schnürte es mir mit einem Mal vollkommen die Luft ab, meine Kehle schien sich zu verschliessen und ich hatte das Gefühl, vor den angsterfüllten Augen meiner Mutter, ersticken zu müssen. Ohne jegliches Zeitgefühl erschien mir der Moment unendlich und ich fürchtete allen Ernstes, mein Ende sei gekommen.

Ehrlicherweise war mir in diesem Moment mein eigenes Leben nicht so wichtig und ein Teil von mir wünschte sich das Drama einfach zu beenden, doch gleichzeitig wusste ich, dass ich meine hilflose Mutter nicht allein zurucklassen konnte. Diese Gewissheit gab mir letztendlich die Kraft den Anfall zu überwinden und wieder zu mir zu kommen.

Am nächsten Morgen brachte mich ich ein Freund in die Muroklinik , wo man mir eine besonders heftige Panikattacke diagnostizierte. Nach meiner Schilderung der Lage, konnten sie mir lediglich Beruhigungsmittel verschreiben, da sie verstanden, dass ich weiterhin rund um die Uhr für meine Mutter einsatzbereit sein musste.

Bis zum heutigen Tag habe ich nur schemenhafte Erinnerungen daran, wie ich die nächsten Tage überstand, doch nachdem ich zweimal hintereinander die Kontrolle über mich mich und meine Körper verloren hatte, vollzog sich eine Veränderung in mir.

Im Anbetracht meiner Verletzlichkeit, entschied sich mein inneres Wesen eine undurchdringliche Schutzrüstung zu erschaffen, die meine Sensibilität eindämmte um diese grosse Herausforderung ohne weiteren Schaden an Körper und Seele zu überstehen. 

Zu Beginn des neuen Jahres fühlte ich mich schon besser und es gelang mir sogar, mit Hilfe einer Freundin meiner Mutter in Deutschland, einen städtischen Heimplatz im früheren Wohnort meiner Eltern zu finden, welche sich einverstanden erklärten, meine Mutter aufzunehmen, sobald ich den Krankentransport organisieren konnte.

Wie so häufig im Leben, begannen sich nun, da eine Lösung in Sicht war, auch andere Dinge zu regeln und zu verbessern.

Erstens fand ich eine verantwortungsbewusste, ehrliche und liebevolle Person, welche mich an den Wochenenden und Feiertagen, wenn der städtische Pflegedienst nicht kam, unterstützte und auch mal eine Schicht allein übernehmen konnte.

Die grösste Veränderung war jedoch das Verhalten meiner Mutter, welche, nachdem sie meinem Erstickungsanfall beigewohnt hatte, ihr aggresives Verhalten auf wundersame Weise veränderte und sich von nun an sanft, gefügsam und fast fröhlich zeigte, da sie sich ganz offensichtlich ihrer neuen Situation hingegeben hatte.

Durch ihr friedliches Verhalten wurde auch ich Tag für Tag ruhiger und zuversichtlicher und ertappte mich plötzlich dabei, wie ich anfing meiner Mutter Lieder vorzusingen, mit ihr Spässe machte, um sie zum Lachen zu bringen und sie mit Küssen und zärtlichen Gesten zu überschütten.

Durch ihre Nervenkrankheit war unsere Beziehung meistens schwierig und angespannt gewesen und ich erkannte, dass diese Situation eine wunderbare Gelegenheit war um unsere gestörte Mutter/ Tochter Beziehung engültig zu heilen.

Und tatsächlich wurde unsere Beziehung so liebevoll und harmonisch wie nie zuvor!

Auf diese Weise wuchs in mir die Gewissheit heran, dass ich es, auf gar keinen Fall, zulassen konnte, meine vollkommen hilflose Mutter völlig allein in ein Pflegeheim in Deutschland abzuschieben. Es war für mich beruhigend zu wissen, die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten zu haben und ich traf freiwillig die schwere Entscheidung die Pflege meiner Mutter für den Rest ihres Lebens zu ubernehmen.

Nach meinem Entschluss fühlte ich von einem starken Druck befreit, obwohl mir vollkommen klar war, dass diese Entscheidung bedeutete, mein eigenes Leben auf ungewisse Zeit auf Eis zu legen.

Als ob das Universum mir zeigen wollte, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand, lösten sich, nach und nach, auch andere, noch nicht erledigte Dinge.

Nachdem ich immer wieder nachgefragt hatte, gelang es mir nach einigen Monaten die höchste Pflegestufe bei der deutschen Krankenkasse meiner Mutter zugesagt zu bekommen, was unsere finanzielle Situation um einiges erleichterte.

Endlich konnte ich einen gut erhaltenen Rollstuhl aus zweiter Hand für meine Mutter erstehen und und eine spezielle Bettunterlage besorgen, die Wundliegen weitestgehenst vermied. Nach einigen weiteren Monaten gelang es uns auch ein verstellbares Krankenbett für meine Mutter zu bekommen.

Ich kann nur bestätigen, dass die absolute Annahme der Situation und die Absicht diese zum spirituellen Wachstum und zur praktischen Anwendung bedingungsloser Liebe anzusehen, Energien freisetzte, die Hilfe von vielen Seiten verschafften.

An dieser Stelle möchte ich ganz besonders die Unterstützung von neuen Freunden hervorheben, ganz besonders, die des Exmannes einer Freundin, der fast zu einem Bruder für mich wurde und mit dem ich mich an vielen Abenden, wenn meine Mutter schon schlief, auf ein Glas Wein und gemeinsame Gepräche traf.

Glücklicherweise konnte ich es mir, nach dem Erhalt der zusätzlichen Unterstützung der Pflegekasse, auch erlauben an zwei Abenden in der Woche nach Palma zu fahren, und am nächsten Morgen frühzeitig mit dem Bus wieder zurückzufahren, um rechtzeitig vor Ankunft des Pflegedienstes wieder in Alcudia zu sein. Währenddessen übernachtete die private Pflegerin bei meiner Mutter.

Diese zwei Nächte in Palma mit meinen Freunden waren sehr wichtig und notwendig für mich und ich brauchte dringend Zeit um abzuschalten und mich abzulenken. Auch wenn ich oft erst in den frühen Morgenstunden ins Bett kam, gaben sie mir Kraft um die restlichen Tage mit immer der selben Routine an der Seite meiner Mutter zu ertragen.

Mein ernsthafter Rat an alle Personen, die sich in ähnlichen Situationen befinden ist, sich regelmässigt Zeit für sich selbst zu nehmen um es sich gut gehen zu lassen. Nur dann ist man wirklich in der Lage, sich in der überigen Zeit mit ganzer Kraft um die pflegebedürftige Person zu kümmern.

Da das Leben immer wieder für Überraschungen sorgt, wartete noch eine von der unangenehmen Sorte auf mich, als ich mich gerade mit meiner neuen Aufgabe als Pflegerin vertraut gemacht hatte!

Eines Tages erhielt ich plötzlich Post von der Rentenkasse meiner Mutter, in der mitgeteilt wurde, dass von nun an alle Renten für Auslandsdeutsche über Berlin abgewickelt und somit neu beantragt werden mussten. Weiterhin wies man darauf hin. dass die Zahlungen währenddessen vorerst eingestellt würden.

Diese Mitteilung war natürlich ein Schock für mich und stellte mich erneut vor eine sehr schwierige Situation, da wir ja auf dieses Geld angewiesen waren. Durch erneuten Nachdruck mittels fast täglicher Anrufe, in denen ich unsere dramatische Situation schilderte, gelang es mir, die Lage schon innerhalb von drei Monaten wieder zu regeln, und nicht erst nach einem halben Jahr, wie mir zuerst angekündigt worden war. 

Nach diesem Zwischenfall gab es lange Zeit keine weiteren erschreckenden Überraschungen mehr und die Wochen und Monate reihten sich langsam und routinemässig aneinander.

Je mehr Zeit verging, um so stärker fühlte ich mich wie einer Art Seifenblase und vom normalen Leben abgeschnitten. Es breitete sich eine Ahnung im mir aus, wie schwierig es sein würde, später wieder den Anschluss zu finden.

Meine Mutter blieb weiterhin ruhig und friedlich, obwohl sie sich immer weniger bewegen konnte und in ihrem letzten Lebensjahr, bei vollem Bewusstsein, in einer Art vegetativen Zustand war, in dem sie absolut bewegungslos war. 

Jeder, der schon etwas ähnliches erlebt hat, weiss was dieser Zustand beinhaltet: Windeln reichen lange nicht mehr aus, da auch der Verdauungsapparat nicht mehr funktioniert und man alles per Finger herausholen muss. Ebenso muss die Position der Person alle drei Stunden verändert werden, auch nachts, um trotz spezieller Unterlage, Wundliegen zu vermeiden, was sich jedoch leider nicht immer ganz vermeiden lässt. Zusätzlich ist es auch erforderlich die reglosen Gliedmassen mehrmals am Tag vorsichtig zu bewegen.

Gerade in den letzten Monaten wurde es immer unerträglicher ihren langsamen und unaufhaltsamen Verfall miterleben zu müssen, mit der Ohnmacht zu wissen nicht helfen zu können, ausser ihr die beste Pflege und ganz viel Liebe zukommen zu lassen.

Seit ich diesen grausamen Prozess so bewusst miterlebt habe, bin ich eine leidenschaftliche Verfechterin der Sterbehilfe um die Würde des Menschen zu bewahren.

Wenige Monate bevor meine Mutter endlich erlöst wurde, trat noch eine unerwartete Veränderung auf.

Eines Tages erzählte mir die private Pflegehilfe, dass sie das Angebot erhalten hatte, einen älteren Herrn in ählicher Lage wie meine Mutter zu pflegen, jedoch gleichzeitig mit Mann und zwei Kindern dort wohnen zu können. Da sie auf diese Weise viel Geld sparen konnten, war das Angebot so verlockend, dass sie es wahrscheinlich annehmen würde.

Mit dem Wissen, dass es unmöglich war, auf eine Person wie sie zu verzichten, machte ich ihr spontan und ohne lange zu überlegen, den Vorschlag, unter den selben Bedingungen, bei meiner Mutter weiterzumachen. Ich bat sie um einen Monat Zeit und um etwas Mithilfe, um alle Schränke und Kommoden auszuräumen, und besonders das Gästezimmer herzurichten, dass von meiner Mutter als Abstellraum benuzt worden war und nun zum Kinderzimmer werden würde.

Wir vereinbarten, dass ihr zwei freie Tage pro Woche zustanden, an denen ich mich um meine Mutter kümmern würde. Da es platzmässig unmöglich war, mit so vielen Personen in der Wohnung meiner Mutter zu sein, bat ich eine Freundin aus Alcudia darum, an diesen Tagen bei ihr übernachten zu können.

Meine anfänglichen Zweifel über die mögliche Reaktion meiner Mutter auf diese neuen Umstände verflüchtigten sich zum Glück rasch.

Ganz im Gegenteil schien es so, als ob ihr das Leben, kurz vor dem Ende, noch ein Geschenk machen wollte, in dem das Heim mit der Wärme und Fröhlichkeit einer wunderbaren Familie erfüllt wurde. Ganz besonders die gut erzogenen Kinder schenkten meiner Mutter viel Aufmerksamkeit und ich sah am Strahlen ihrer Augen, wie wohl sie sich dabei fühlte. An den Wochenenden hatte sie ausserdem weiterhin ihre Tochter an ihrer Seite.

Circa zwei Wochen vor ihrem Tod wachte ich plötzlich mitten in der Nacht in Palma auf, weil ich ihre flüsternde Stimme in meinem Ohr hörte. Ihre Seele war zu mir gekommen um mir mitzuteilen, dass sie müde war weiterzuleben und nun bereit war ihren Körper zu verlassen.

Ich bin mir ganz sicher, dass sie auch den Zeitpunkt ihres Todes genau ausgewählt hatte, da sie zum letzten Mal das Wochenende und den Montagmorgen mit mir verbringen wollte. Sie hatte an diesem Wochenende recht hohes Fieber und heute weiss ich, dass dies schon Anzeichen der Agonie waren, doch selbst die Ärzte, welche ich besorgt anrief, konnten es nicht feststellen, verschrieben ihr nur Medikamente und meinten, ich solle mir keine Sorgen machen.

Als ich Montagabend aus Alcudia wegfuhr, war ich sehr unruhig, obwohl meine Mutter mir mehrmals bestätigt hatte, dass sie nicht wollte, dass ich blieb. Die innere Unruhe wollte nicht vergehen, obwohl auch alle anderen mich davon überzeugten, besser zu fahren, da ich ja eh nichts machen konnte und die Wohnung ja voll genug war.

Kaum war ich in Palma angekommen, erhielt ich den Anruf der Pflegerin, die mir unter Tränen mitteilte, dass die Ärzte soeben den Tod meiner Mutter festgestellt hatten, die durch einen totalen Organausfall verstorben war. Ich war wie in einem Schockzustand und zum Glück bot mir meine Freundin, mit der verabredet war, an mich nach Alcudia zu begleiten.

Als ich den reglosen, geschundenen Körper meiner Mutter sah, brachen endlich alle so lange unterdrückten Tränen aus mir heraus und ich weinte bitterlich in den Armen der Pflegerin. Glücklicherweise war meine Freundin an meiner Seite und kümmerte sich um alles erforderliche. Durch die Anwesenheit der Kinder in der Wohnung meiner Mutter, musste sie umgehenst in die Leichenhalle eingeliefert werden, zumal es auch hochsommerlich warm war.

Als ich nach einigen Tagen wieder zu mir kam, stritten sich in mir widersprüchliche Gefühle. Einerseits war ich erleichtert darüber, dass das Leiden meiner Mutter endlich ein Ende gefunden hatte, und andererseits fühlte ich eine grosse Traurigkeit. Nun war ich wirklich ein Waisenkind und hatte das letzte nahestehende Familienmitglied verloren und gleichzeitig das, was meinem Leben in den vergangenen Jahren seinen Sinn gegeben hatte.

Obwohl ich wusste, dass ich stolz darauf sein konnte, diese Aufgabe mit Bravour bestanden und einen echten Liebesbeweis erbracht zu haben, wusste ich gleichzeitig, dass es alles andere als einfach werden würde, wieder ins "normale Leben" zurückzufinden.

In meinem nächsten Artikel werde ich über die Zeit danach und über die Schwierigkeiten eines Neuanfangs berichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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